addis abeba – die neue blume

Gleißendes Morgenlicht. Eine Brachfläche vor dem Eingang unseres Guesthouses, auf der sich staubige Pflanzen der Trockenheit widersetzen. Dahinter ein Zaun, an dem eine kleine Wellblechhütte steht. Im dunklen Türrahmen glitzert es kurz. Dann tritt eine Frau in einem roten Paillettenkleid heraus. Das erste Bild von Addis bei Tag, nicht fotografiert, aber in der Erinnerung gespeichert.

Ein Gewirr aus Asphaltstraßen und Schotterwegen, die oft unvermittelt ineinander übergehen. Autos schieben sich schrittweise voran, wo zwei Spuren eingezeichnet sind, haben locker drei Reihen Fahrzeuge Platz. Dazwischen Straßenhändler und Bettler, die ihrem Tagwerk nachgehen. Jeder Zentimeter wird genutzt. Auf einer Hochtrasse gleitet die Straßenbahn über den Stau hinweg, vollgestopft mit Passagieren. Darunter sitzt ein mobiler Buchhändler neben seinem fast zwei Meter hohen Stapel Bücher, auch das neueste des Präsidenten Abiy Ahmed ist dabei. Ein Schuhputzer wartet auf Kundschaft und junge Männer versuchen, Fahrgäste für ihre Busgesellschaften zu finden.

Hochhäuser wachsen aus dem Boden, Betonsäulen strecken sich in den Himmel. Es wird gehämmert und gemauert. Hier soll die Zukunft entstehen, auch mit Hilfe ausländischer Firmen. Die offiziellen Gebäude haben größtenteils schon bessere Tage gesehen. Fassaden bröckeln vor sich hin. Im Laubengang am Nationaltheater lagern Obdachlose auf dem zerborstenen Boden. Wellblechhütten reihen sich in Seitenstraßen aneinander. Wohnungen, Läden, Souvenirstände. Kaffee- und Billardbuden voller Männer, meist ist die Kellnerin  die einzige Frau im Laden. In den kleinen Gassen des Armenischen Viertels von Arat Kilo scheint alles etwas gemächlicher zu laufen. Vor einem Café spielen zwei junge Männer Tischtennis. Addis ist ein Nebeneinander von alt und modern, formell und informell, Brachen und Parks, als hätte ein Kind seinen Architekturbaukasten willkürlich auf dem Boden verteilt. Ständig bleibt das Auge an etwas neuem hängen.

Das Taitu Hotel mit seinen alten fast schwarzen Holzböden und einem Pianisten, der dem Nachmittag seinen Sound verleiht. Früher eines der ersten Häuser am Platz und vor ein paar Jahren halb abgebrannt wird es heute besucht von einem Mix aus Addis’ aufstrebender Mittelschicht, Expats, und Durchreisenden. Auf der Terrasse, unter einem Dach aus Rankenpflanzen, sitzen drei Männer nebeneinander, jeder an seinem eigenen kleinen Tisch. Vor sich ein Laptop und eine Tasse Kaffe, in der Hand ein Mobiltelefon. Urbane Digitalarbeiter.


Vom Entoto aus, einem Berg im Norden von Addis, wirkt die Stadt plötzlich weit weg. Die Straße windet sich bergan, Landwirtschaftsflächen, kleine Weiler und Eukalyptuswälder wechseln sich ab. Ein ganz eigener Geruch nach Holz, Erde und Eukalyptus weht durch das Autofenster. Hinter einer Kurve plötzlich ein Läufer auf der Straße, hoch aufgeschossen, sehnig, schon etwas älter und weiß. Auf seinem kahlgeschorenen Kopf balanciert er eine Wasserflasche, die trotz seines beträchtlichen Tempos an ihrem Platz bleibt.

Der Weg zurück ins Stadtzentrum führt an Zäunen aus Wellblech vorbei, an denen manchmal Spindeln hängen. Hinter Durchgängen im Zaun stehen kleine Lehmhütten. „Hier werden traditionelle äthiopische Schals und Stoffe hergestellt. Shemmas und Gebbis.“, sagt Ashu, hält an, steigt aus dem Auto und redet kurz mit einer Frau, die vor einem kleinen Tor sitzt. „Kommt, ich habe grade gefragt, ihr könnt euch das mal anschauen“.

In der Hütte müssen sich unsere Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Hinter einem kleinen Raum – gleichzeitig Küche, Wohn- und Schlafzimmer – liegt die Werkstatt. Sie ist fast vollständig mit zwei Webstühlen gefüllt, Kettfäden ziehen sich durch den Raum. In einer Ecke liegt rohe Wolle, daneben eine kleine Spindel, an den Wänden hängen Arbeitsutensilien und Heiligenbildchen. Das rhythmische Rattern des Webstuhls als Hintergrundgeräusch. Weben ist hier Männerarbeit, die Frauen reinigen die Wolle und spinnen sie zu feinem Garn.

Nur gedämpft klingt das Rauschen des Verkehrs durch die Bäume und Büsche der Parkanlage des Ghion Hotels. Vögel zwitschern und die Blätter rascheln, wenn ein Windhauch durch die Äste streicht. Ab und zu wird die Ruhe kurz unterbrochen, Musik schallt von einer Bühne herüber. Soundcheck für ein großes Open-Air-Konzert am Wochenende. Musik gibts in einem Rundbau neben dem Ghion-Hotel aber auch jeden Donnerstag und Freitag: im Mulatu Astatke African Jazz Village.

Die letzten beiden Fotos hat Katja Hahn gemacht.

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